Interview mit Schuldirektor Dieter Facklam


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Sie sind seit 25 Jahren Schulleiter am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Großengottern. Was lieben Sie an dem Job oder sollte man sagen „Berufung“?

Als Job würde ich es nicht sehen, Berufung kann man ober eigentlich auch nicht sogen. Ich hatte nie das Ziel, Schulleiter zu werden. Das, was mir daran gefällt, ich kann Schule in wichtigen Bereichen mit entwickeln und gestalten. Auch eigene Ideen und Vorstellungen, die ich von Schule, Zusammenarbeit mit Schülern, Eltern und Kollegen habe, kann ich einbringen.

Was waren spontan Ihre bewegendsten Momente?

Da wären viele zu nennen. Allein die Genehmigung von Seiten des Landes Thüringen zu erhalten, ein Gymnasium im ländlichen Raum aufbauen zu dürfen, war bewegend. Jährlicher emotionaler Höhepunkt ist die Übergabe der Abiturzeugnisse an unsere Abgangsschüler, immer verbunden mit der Frage, ob wir sie gut vorbereitet „ins Leben entlassen“. Wenn Dinge an der Schule gut laufen, sei es zum Beispiel die Pflege von Traditionen wie der Frühlingsball, die Jahrmarktsausstellung, der Weihnachtsmarkt, die Theateraufführungen unserer Schüler, die Pflege internationaler Kontakte oder die Verbesserung der materiellen Bedingungen – das sind für mich nach wie vor bewegende und nie selbstverständliche Momente.

Und die größten Schwierigkeiten?

Schwierigkeiten und Probleme ergeben sich immer dann, wenn Partner, die man zur erfolgreichen Schulentwicklung unbedingt braucht, nicht so mitziehen, wie man sich das selbst wünscht. Dies können Kollegen, Schüler, Eltern, aber auch die Wirtschaft im Territorium, Verwaltungen u. a. sein. Persönlich für mich ergeben sich auch dann Schwierigkeiten, wenn Dinge bzw. Festlegungen umgesetzt werden müssen z. B. durch Ministerien und Ämter, mit denen ich mich nicht identifizieren kann oder ich nicht davon überzeugt bin, dass sie gut für die Schule oder die Entwicklung der uns anvertrauten Kinder sind.

Was würden Sie am Schulsystem ändern, wenn Sie könnten?

Als erstes, und dafür habe ich auch am Anfang noch viel mehr gekämpft als heute, dass es in ganz Deutschland ein einheitliches Schulsystem geben sollte oder geben muss. Auch hochrangige Bildungspolitiker und Bundestagsabgeordnete konnten mich nicht ansatzweise vom Sinn des Förderalismus bzw. seinen Vorteilen in diesem so wichtigen Lebensbereich überzeugen. Könnte ich entscheiden, würde ich – allerdings dann bundesweit – durchaus positive Dinge aus dem Bildungssystem der ehemaligen DDR wieder einführen wie z. B. längeres gemeinsames Lernen, 4-jährige gymnasiale Bildung, viel stärkere Berührung mit dem „realen“ Leben, intensivere Auseinandersetzung mit den Problemen in der Welt oder
dem gesamten Bereich der Werteerziehung. Zudem würde ich nach einem System suchen, das Gehalt der Lehrer leistungsabhängig zu gestalten, zu honorieren, wenn sich Kollegen besonders engagieren – orientiert an der freien Wirtschaft. Noch mehr hochmotivierte Lehrer wären ein sicherlich wünschenswertes Ergebnis.

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Das klingt sehr interessant! Gibt es ein solches System schon irgendwo?

Nicht, dass ich wüsste! Ich wurde aber schon danach gefragt, wie ich mir das vorstellen würde. Ein Gedanke wäre zum Beispiel, dass man 3 % der Lehrergehälter einfrieren würde und die Schule am Ende eines Schuljahres in Form von Prämien darüber verfügen könnte oder man der Schule einen zusätzlichen Fonds von Seiten des Landes Thüringen zur Verfügung stellt. Hervorragende Arbeit und überdurchschnittliches Engagement muss sich lohnen, Gleichmacherei ist für jegliche Entwicklung schädlich. Kann ich zum Ende des Schuljahres zum Beispiel nach Absprache mit Personalrat, Schulleitung, Schulkonferenz zu Kollege x oder y sagen, du bekommst 1.000,00 € Prämie und kannst davon 10 Tage Urlaub in einem 5-Sterne-Hotel machen, wäre das doch eine zusätzliche Motivation. Die Idee leistungsabhängige Bezahlung im Bereich des Öffentlichen Dienstes wird wohl ein Traum bleiben.

Sport spielt eine große Rolle am Gymnasium bzw. auch der SV CREATON Großengottern. Was macht den Verein aus? Was bedeutet Ihnen Leichtathletik und SV CREATON persönlich?

Es ist ein wesentlicher, auch prägender Teil meines Lebens. Als ich 1975 als 22-jähriger Lehrer nach Großengottern gekommen bin, habe ich angefangen, als Trainer in der Leichtathletik zu arbeiten. Ich denke, diese Tätigkeit hat viele Generationen meiner Schüler in ihrer gesamten Entwicklung stark beeinflusst und nach der Wende auch dem Gymnasium wichtige Impulse gegeben. Die ersten Schüler, die aus der Vogtei und Bad Langensalza zu uns kamen, waren
Leichtathleten, die dann dafür sorgten, unsere Einrichtung auch für Mitschüler aus diesen Regionen interessant zu machen. Natürlich hat der Sport, und insbesondere die Leichtathletik, mein Leben enorm bereichert. 4 x wöchentlich Training, zahllose Wettkämpfe und Trainingslager erfordern enormen Aufwand, aber Fahrten zu DDR-Spartakiaden, heute Deutsche Meisterschaften, enge, anhaltende Kontakte zu ehemaligen Sportlern oder zum Beispiel der Olympiasieg von Nils Schumann über 800 m im Dress des SV CREATON Großengottern im Jahr 2000 in Sidney drängen die Anstrengungen in den Hintergrund und sorgen für persönliche Glücksgefühle.

Haben Sie sich früher als Schüler jemals „Schüler-Sünden“ wie spicken, schwänzen oder andere Lehrerstreiche erlaubt?

Ich war kein Musterschüler, hatte auf dem Zeugnis in Betragen auch öfter ein „befriedigend“, war ein lebhafter Schüler, habe immer meine Meinung gesagt und natürlich haben wir Späße gemacht und Streiche gespielt, aber alles in einem vernünftigen Rahmen. Zu meiner Schulzeit waren Lehrer Persönlichkeiten, die von der Gesellschaft, den Eltern und natürlich auch uns Schülern doch sehr geachtet wurden. Spicken, oder erst recht Schwänzen war für mich nie ein Thema – ich hatte in 12 Jahren Schulzeit keinen einzigen Fehltag.

Die Jugend von heute wird oft kritisiert. Finden Sie, dass in der Gesellschaft (oder wo auch immer) etwas schief gelaufen ist?

Einer Pauschalkritik an der Jugend von heute kann ich nicht zustimmen, dazu erlebe ich an meiner Schule und in meiner gesamten Tätigkeit sehr viele Beispiele, die zeigen, wozu unsere jungen Menschen, bei entsprechender Motivation und Unterstützung, in der Lage sind. Dennoch glaube ich, dass sowohl in der Gesellschaft als auch in vielen Familien einiges schief läuft. Erziehung ist ein häufig verwendetes Wort, wird aus meiner Sicht jedoch viel zu wenig praktiziert. ,,Bitte“ und „Danke‘: als wichtige Wörter des deutschen Wortschatzes, freundliche Umgangsformen, Kritik und vor allem auch Selbstkritik, Achtung und gegenseitiger Respekt, Toleranz anderen gegenüber u.v.m. sind Werte, die in allen Lebensbereichen wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden müssten.

Ihre Töchter sind längst erwachsen und haben eigene Kinder. Waren Sie ein strenger Vater?

Ja, ich glaube schon. Ein russischer Pädagoge sagte einmal: ,,Strenge ist Liebe!“ In diesem Sinne habe ich versucht, meine Kinder zu erziehen. Allerdings muss ich auch sagen, ich hatte das Glück, zwei Töchter zu haben, die uns Eltern wenige Probleme bereiteten. Um mit Bismarck zu sprechen: In der Erziehung fand das „Zuckerbrot“ deutlich mehr Anwendung als die „Peitsche“!

Teenager interessieren sich irgendwann brennend für Ausgehen und das andere Geschlecht. Welche klaren Regeln gab es bei Ihnen, welche Freiheiten?

Freiheiten gab es in sehr vielen Richtungen. So habe ich mich nie in den Freundeskreis meiner Kinder eingemischt, habe nie gesagt, du darfst nicht mit dem oder musst mit dem befreundet sein. Eine meiner Töchter war in einer Gruppe von Freunden, in der auch Drogen eine Rolle spielten. Ich habe sie über die Gefahren nachhaltig aufgeklärt und ihr vertraut. Auch was das Ausüben von Hobbys, Neigungen, Interessen betraf, gab es wenige Einschränkungen. Andererseits gab es strenge Regeln und klare Absprachen. Wenn z. B. ausgemacht wurde, nach der Disco zum Zeitpunkt x zu Hause zu sein, dann durfte es auch keine 5 Minuten später werden. Auch häusliche Pflichten waren exakt festgelegt und wurden mit Konsequenz umgesetzt.

Wie war das als einziger Mann zwischen drei Frauen?

Ich kann mich nicht beschweren. Von vielen „weiblichen“ Aufgaben im Haushalt war ich befreit, um Hausaufgaben und schulische Entwicklung der Töchter kümmerte sich vorrangig meine Frau, folglich konnte ich in vielen Situationen der „gute Papa“ sein. Nach und nach gelang es meinen „ Weibern‘: auch mein sportliches Engagement besser zu akzeptieren. Heute muss ich gestehen, dass ich trotz oder gerade wegen meiner drei Frauen ein schönes Leben führen konnte.

Wie war das, als Ihre Kinder aus dem Haus waren? Manche Eltern suchen sich dann panisch neue Hobbies oder erfinden ihre Ehe neu.

Bei uns war das vielleicht kein so großes Problem, weil Stefanie 7 Jahre jünger ist als Sandra. Als Sandra dann nach Bayern zog, hatten wir ja noch Steffi, so dass man sich langsam an die Situation gewöhnen konnte. Als Stefanie zum Studium ging und danach in der Nähe ihrer Schwester ihren Lebensmittelpunkt fand, mussten wir weder neue Hobbies suchen – davon hatte ich, neben meinem mich ausfüllenden Beruf, eh genug (z. B. Leichtathletik, Reiten, Kleintierzucht, Lesen) – noch unsere Ehe neu erfinden. Auch meine Frau war durch ihre Arbeit in der Schule, verschiedenen Projekte wie Theater, Jahrbuch, Seminarfacharbeiten, aber auch die Pflege sozialer Kontakte genügend ausgelastet. Wir sind – und das gilt bis in die
Gegenwart hinein – in kein Loch gefallen.

Hatten Sie das Gefühl, alles richtig gemacht und sie gut auf das Leben vorbereitet zu haben?

Alles richtig gemacht habe ich mit Sicherheit nicht. Ich beneide Menschen, die von sich behaupten können oder behaupten, keine Fehler gemacht zu haben. Dennoch glaube ich, meine Mädchen wurden gut auf ihren weiteren Lebensweg vorbereitet. Ich habe versucht, ihnen vorzuleben, was man mit Engagement, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, aber auch durch die Achtung von Werten und enge soziale Bindungen erreichen kann. Ihre eigene Entwicklung bestätigt mich in diesem Gedanken.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Ja, mir vielleicht ein bisschen mehr Zeit für meine eigenen Kinder nehmen. Beide Töchter sagen heute, auch mit einer gewissen Traurigkeit, dass ich mich mit meinen drei Enkeln mehr beschäftige, als damals mit ihnen. Mit dieser Wertung denke ich müssen viele Opas leben. Hatten meine Mädchen allerdings Probleme, nahm ich mir natürlich Zeit, so dass bis heute ein sehr enges Vertrauensverhältnis besteht. Wenn meine Töchter seit mehr als 20 Jahren großen Wert darauf legen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern, unseren Enkeln, Mama und Papa den Urlaub zu verbringen, dann ist dies sicherlich schon recht ungewöhnlich und zeigt, dass wir nicht zu viel falsch gemacht haben. Zudem kann man die Zeit ja doch nicht zurück drehen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Zuerst wünsche ich mir natürlich für meine Familie, unsere Freunde und netten Bekannten Gesundheit und Wohlergehen. Nach zwei größeren Operationen mit längerer Reha lernt man diese Faktoren besonders schätzen. Für unser Friedrich-Ludwig-Jahn Gymnasium wünsche ich mir, dass es sich weiterentwickelt und fester Bestandteil der Bildungslandschaft in Thüringen und im Unstrut-Hainich-Kreis bleibt. Und ganz privat: Möge es mir auch in Zukunft gelingen, an so vielen Dingen des Alltags Freude zu haben, wie bisher. Da wäre das Familienleben, sportliche und kulturelle Höhepunkte, Arbeit und Umgang mit Menschen, auch die Fähigkeit, ganz viele kleine Dinge des Lebens genießen zu können.

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Herr Facklam! 🙂